Spanien einmal anders

Die Anreise von Isny in das Herz der Pyrenäen dauerte inklusive Stadtbesichtigung von Benasque mehr als 12 Stunden. Von unserem Kontaktmann Harry Ebinger des DAV Summitclub wurden wir in Barcelona abgeholt und in das hervorragende Hospitz de Benasque am Ende des Vall de Benas gefahren. Hier war unser Start zu den ersten beiden Bergtouren im Maledeta Massiv. Eine Welt aus kühnen Granitgipfeln mit tiefgrünen Eisseen, gischenden Bächen und Wasserfällen. Die höchsten Gipfel der spanischen Pyrenäen erwarteten uns.

Zu unserem ersten Ziel stiegen wir von Anfang an steil über die Nordflanke des Pico d’Alba im wilden Granitgelände. Die Wegführung über Blockgelände war anstrengend und wir kamen nur langsam voran. Steinmännchen ersetzten in den Pyrenäen die Markierungen und sind über den Hang verstreut. Wir überquerten problemlos kleine Altschneefelder und erreichten nach leichter Kletterei den Gipfel des Pico d’Alba 3107m. Er ist der westlichste Gipfel des Gebirgsstockes und bietet einen fantastischen Rundblick. Vis-à-vis erhebt sich der mächtige Maledetagipfel. Teils weglos mit leichter Kletterei stiegen wir den Nordgrat ab. Schwindelfreiheit und hohe Konzentration war gefordert, bis wir den idyllischen Renclusa-See erreichten. Nach einem kurzen Bad war es nicht mehr weit zur Refugio de la Renclusa 2140 m. Die Hütten sind im Vergleich zu den Alpenhütten einfach und rustikal gehalten. Die Verpflegung inklusive der Wein sind hervorragend. Was braucht man schon mehr als Bergsteiger?
Tagesetappe: 1436 HM▲ 997 HM▼, 9h 26min, 16.72 km.

Am zweiten Tag stand das Highlight an. Schon früh brachen wir mit Stirnlampen auf. Da die Sonne ca. eine Stunde später im Vergleich zu uns aufging, benötigten wir bis ca. 7 Uhr das künstliche Licht. Die Wegfindung über rauhes Blockgelände und Kletterpassagen war auch hier nicht einfach. Über den Portillón Superior gelangten wir zum Glacier de Aneto und hier legten wir dann unsere Steigeisen an. Über Blankeis und Firn stiegen wir den immer steiler werdenden Aufstieg Richtung Gipfelhang empor. Ca. 150 hm vor dem Gipfel ging es kletternd über Fels und Geröll ohne Steigeisen weiter. Kurz vor dem Gipfel müssen wir noch den Paso de Mohama, die Brücke Mohammeds mit Kletterei im II Grad überwinden und standen dann auf dem König der Pyrenäen – Pico de Aneto 3404 m. Ein bunt geschmücktes Aluminiumkreuz und eine Madonna begrüßten uns. Zu unseren Füßen lagen ca. 200 Dreitausender der Pyrenäen. Wir genossen eine gewaltige, hochalpine Aussicht und das Lunchpaket der Renclusa-Hütte. Der Abstieg vorbei an fantastischen Wasserfällen und Bachüberquerungen war schneller und auch einfacher zu bewältigen. Trotzdem zog sich die Strecke in die Länge bis wir endlich am Shuttle-Bus zum Hospital de Benasque ankamen.
Tagesetappe: 1325 HM▲ 1573 HM▼, 12h 18min, 20.30 km.

Nach diesen zwei großartigen Gewalttouren wechselten wir das Tal. Mit Harry Ebinger  fuhren wir in die Vorpyrenäen, zur Mont-Rebei-Schlucht. Diese liegt im Grenzgebiet der zwei Provinzen Aragon und Katalonien. Der Canyon ist spektakulär und atemberaubend, ein Kletter- und Kanuparadies. In Montfalco starteten wir unsere „kleine Wanderung“ in diesem  Naturpark. Hier ist die Heimat der Gänse- Schmutz- und Bartgeier. Diese Riesenvögel werden für Zählungen von Zeit zu Zeit mit Hühnern und Rippchen gefüttert. Auch für Fotografen gibt es diese spezielle Fütterungen.

Großartig, oder eher unglaublich sind die schmalen Holztreppen, die wie Himmelstreppen im Zickzack an einer senkrechten Felswand empor führen. Über eine schwingende Hängebrücke querten wir die engste Stelle der Schlucht bevor wir in schmalen, in die Steilwand gesprengten Pfaden hoch über dem Wasser den Canyon wieder verließen, natürlich nicht ohne die Wasserqualität zu testen. Und das alles bei 34° Grad.
Tagesetappe: 382 HM▲ 755 HM▼, 3h 18min, 12,73 km.

Auf der anschließenden Fahrt in den Parque National Ordesa Monte Perdido, stoppten wir in Ainsa, einer nordspanischen Kleinstadt. Die Burg von Ainsa mit ihrem  langgestreckten Plaza und den Arkadenhäuser komplett aus Stein, bildete im 11. Jahrhundert eine Verteidigungslinie gegenüber Angriffen aus dem Süden. In Torla angekommen wurden wir von einem Gewitter a la Pyrenäen begrüßt, Hagel und Sturzregen überflutete Straßen. Nach 20 min war dann der Spuk wieder vorbei und der blaue Himmel zeigte sich wieder.

Von Torla aus fuhren wir am nächsten Tag mit dem Bus in das hintere Valle de Ordesa zum Ausgangspunkt unserer nächsten Tagesetappe. Wir stiegen steil in Serpentinen zum Mirador l‘ Acuta hoch. Der Ausblick erinnerte zum Teil an die Dolomiten oder auch an den Grand Canyon und die Monument Mountains in den USA. Das Gebirge im Valle de Ordesa besteht aus Kalkgestein. Unser Weg war gesäumt von Edelweiß. Nach den Serpentinen legten wir eine Kletterpassage ein. Eine Kette erleichterte den Aufstieg. Bevor wir den Gipfel genießen konnten, musste noch ein steiler Grashang überwunden werden. Der kleine Gipfel des L’Acuta, oder La Scuta liegt auf 2247 m. Der unglaublich tolle und interessante Aufstieg zu diesem unbekannten Hügel begeisterte uns. In Sichtweite war unsere Schotterstraße für den sehr langen Abstieg nach Nerin. Wir passierten Cuello Gordo, den Ausgangpunkt unserer morgigen Besteigung und endeckten parallel führende kürzere Pfade, die uns etwas schneller nach Nerin brachten. Dieses Dorf hat 13 Einwohner und ein Hotel. Angekommen, stürzten wir uns auf das Clara (Radler, nicht die Bedienung) .
Tagesetappe: 1149 HM▲ 1205 HM▼, 8h 40min, 24,96 km

Am nächsten Tag erreichten wir den Ausgangspunkt Cuello Gorde mit dem Bus. Dies ersparte uns einen sehr langen Aufstieg. Von hier aus verlief unser Weg oberhalb des Ordesa-Canyons, der mit seinen Wandabbrüchen bis zu 1500 m in Europa einzigartig ist. Nach ca. 2 Stunden hatten wir auch dann die Goritzhütte erreicht, den Ausgangspunt für die Besteigung des Monte Perdido, den „verlorenen Berg“, ein weiterer Höhepunkt unserer Pyrenäentour. Der Rucksack wurde auf das Nötigste reduziert und auf Nachfrage beim Hüttenwirt konnten wir auf Steigeisen, Eispickel und Seil verzichten.

Es war dann auch schon 10.00 Uhr, als wir an das größte Kalkmassiv in Europa angingen. Die eigentliche technische Schwierigkeit begann erst im oberen Teil am Lago Helado, dem „gefrorenen See“. Hier stellt sich der sogenannte Escupedero auf. Dies bedeutet übersetzt „Spucknapf“ und ist normal ein steiles, ausgesetztes Eisfeld bei dem Steigeisen und Eispickel unabkömmlich sind. Dieser Spucknapf war bei uns soweit abgeschmolzen, dass ein Weg am Rande des restlichen Eisfeldes vorbei ging. Anstatt auf Trittschnee mussten wir einen anstrengenden Schotterhang hoch. Drei Schritt vor, einer zurück. Aber auch dieser Hang nahm am Sattel ein Ende und so hatten wir nur noch 80 HM zu bewältigen. Nach erstaunlichen 3,5 Std. Aufstieg von der Göritzhütte standen wir auf dem dritthöchsten Pyrenäengipfel, dem Monte Perdido 3355m, der auch als der „Nobelste“ gilt. Das ganze Massiv ist UNESCO-Weltnaturerbe.

Die Aussicht war leider nur bescheiden, da immer wieder Wolkenschwaden um uns zogen. Das schmälerte unsere Freude natürlich nicht, denn wir hatten „es geschafft“.

Den befürchteten Abstieg über den Schotterhang bewältigten wir trotz Bedenken gut und so waren wir kurz nach 16 Uhr auf der Hütte. So einfach die spanischen Hütten auch sind, der Wein ist hervorragend und mit einem Literpreis von 9 Euro wirklich günstig. Am nächsten Morgen waren alle fit und munter, was für die Qualität des Weines sprach.
Tagesetappe: 1346 HM▲ 1330 HM▼, 8h 44min, 21.74 km

Bei der heutigen Abschlusstour war sich die Gruppe schnell über den kürzesten Weg nach Torla einig. Mit spektakulärer Sicht stiegen wir in den Ordesa-Canyon hinein, der vor vielen Jahren von einem Gletscher geformt wurde und an den Grand Canyon erinnert. Wie Kathedralen fallen die schroffen Kalksteinwände vertikal ab. Vorbei am Pferdeschwanzwasserfall marschieren wir das immer wilder werdende Tal vor. An einem der unzähligen Wasserfälle machen wir nochmals Rast und essen unser Lunchpaket, bevor wir den Parkeingang erreichen. Unser Bus nach Torla stand schon abfahrtbereit. Die frühe Ankunft in Torla nutzten wir zu einer kleinen Besichtigung im mittelalterlichen Ortskern. Zum Abschluss trafen sich dann alle Tourenteilnehmer im Cafe an der Hauptstraße bei Kaffee, Bier, Wein und endlich zu einer Runde Schafkopf, bevor es zum Abschlussessen im Hotel Bujaruelo ging.
Tagesetappe: 51 HM▲ 904 HM▼, 4h 2 min, 16.37 km

Fazit: Eine wirklich unglaublich schöne Reise mit anspruchsvollen Bergtouren in ein anderes Gebirge, wo jeder Tag ein neues Highlight war. Eine ausnahmslose tolle Truppe rundete die ganze Unternehmung noch ab. Jeder Teilnehmer war über seine Leistung stolz und auch etwas überrascht. Die ganze Woche sind wir in Hotels und Hütten überaus gut verköstigt worden.

Ein herzliches Dankeschön geht an Kristin Diener vom DAV Summit Club für die Zusammenstellung und perfekte Planung der Reise und an Harry Ebinger für seinen zuverlässigen Service in Spanien und seine Freundlichkeit.

DAV Sektion Isny

Irene Schauer und Günther Scholze